Mecklenburgische und Pommersche
Bibelgesellschaft


Bibel im Gespräch

  Unter diesem Titel finden seit 2007 ab und an Gesprächsabende im Bibelinfocenter statt.
  Gemeinsame Veranstalter dieser Reihe sind:

Mecklenburgische & Pommersche

Kirchenzeitung

MECKLENBURGISCHE und POMMERSCHE

BIBELGESELLSCHAFT


      am 16. September 2016 lautete das Thema:

Beerdigungskultur im Wandel

 

Gesprächsgast war Prof. Dr. Thomas Klie, Rostock

Der Theologe lehrt seit 2004 in Fachgebiet Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Rostock und ist zudem Universitätsprediger.
Seine Forschungsschwerpunkte sind die Darstellung und Wahrnehmung kirchlicher Praxis, Untersuchungen zur spätmodernen Religionskultur und Formen zivilreligiöser und liturgischer Performanz.

Es war eine interessante Veranstaltung, wenn auch nicht ganz so viele Personen zu diesem Abend kamen, wie vielleicht erwartet. Prof. Klie referierte ausführlich über die gegenwärtige Bestattungspraxis. Anschließend gab es noch ein lebhaftes Gespräch.

Vielleicht überraschend war die Antwort auf die Nachfrage, was denn die Bibel über Bestattung aussage (worüber ja laut Ankündigung gesprochen werden sollte): "Im Grunde Nichts!" Bestattungsbräuche sind in der Bibel kein Thema.

Anmerkung: Das Thema Bestattung scheint tatsächlich von allgemeinem Interesse zu sein. In den letzten Tagen sind in der "Schweriner Volkszeitung" zwei Artikel dazu erschienen, von denen hier kurze Auszüge wiedergegeben seien.

Am 1. November auf der Titelseite:

Mehr anonyme Bestattungen

Kosten oft Hauptargument / Debatten über Trauerorte

Rostock In weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommerns entscheiden sich immer mehr Menschen für eine anonyme Bestattung. sie wollen ihren angehörigen nicht zur Last fallen. Aber auch anonyme Bestattungen sind nicht kostenfrei. Und den hinterbliebenen fehle dann ein Ort der Trauer, geben Kirchen und Bestatter zu bedenken. (...)
Der (Friedwald Grevesmühlen) wurde im September 2015 von der gleichnamigen GmbH eröffnet. (...) Hier werden die Urnen an Bäumen bestattet; daran hängen kleine Täfelchen mit den Namen der Toten: Höchstens zehn Namen pro Naturgrab. (...) Immer mehr Menschen entscheiden sich für diese Art der Bestattung.
Und Jahr für Jahr wählen mehr Menschen eine anonyme Bestattung. (...) Auf den drei Rostocker Friedhöfen kamen im vergangenen Jahr 1223 anonyme Urnengemeinschaftsgräber hinzu. Davon waren knapp 570 mit Namen versehen.

 

Am 7. November auf Seite 6:

Die Urne auf dem eigenen Grundstück begraben?

Immer mehr Menschen wollen selbst bestimmen, wo ihre Asche einmal hin soll / Die Politk will reagieren

Schwerin In die Debatte um eine größere Freiheit bei der Wahl des Bestattungsortes kommt wieder Schwung. Im Schweriner Landtag will die Linke spätestens Anfang kommenden Jahres einen neuen Vorstoß für die Aufhebung des Friedhofszwangs und für weitere Reformen des Bestattungsgesetzes unternehmen, wie deren innenpolitischer Sprecher Peter Ritter ankündigte. "Zahlreiche Menschen bewegen doch insbesondere die Fragen, was mit ihnen oder ihren Angehörigen nach dem Tode geschieht und wie selbstbetimmt sie darüber entscheiden können", sagte er. (...)
In den Medien sprachen sich viele Bürger für eine Liberalisierung aus. Forderungen reichten dabei bis hin zur Möglichkeit, die Urne eines Gestorbene auf dem eigenen Grundstück begraben oder die Asche dort verstreuen zu können. Mancher wünschte sich auch, die Urne zu Hause im Bücherregal oder in der Schrankwand aufbewahren zu dürfen.
Bisher sind Bestattungen nach geltender Gesetzeslage in Mecklenburg-Vorpommern nur auf Friedhöfen, in Friedwäldern oder bestimmten See-Arealen möglich. (...)


Bis weit in das 19. Jht. war in Mitteleuropa die Erdbestattung das Normale. Dann kam die Einäscherung mit Urnenbeisetzung hinzu, die, zunächst von den Kirchen abgelehnt, als Bestattungsform von Freidenkern und Agnostikern galt.

Heute gibt es eine Vielzahl von Bestattungsformen, die allerdings nicht alle in Deutschland zugelassen sind.


Bestattungsformen


Die hohe Zahl der möglichen Bestattungformen ergibt sich durch die vielen Möglichkeiten nach einer Einäscherung. In Deutschland werden jedoch durch das bestehende Bestattungsgesetz recht enge Grenzen gesetzt.


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Der alte jüdische Friedhof in Krakau (Foto: privat)


von Prof. Klie wurde eine interessante Frage in den Raum gestellt:

Wem gehört eigentlich der Leichnam eines Verstorbenen: Den Angehörigen oder der Allgemeinheit?

Aus dem 2. Zeitungsartikel oben geht hervor, das Angehörige ihn als Privateigentum betrachtet wissen wollen. Die bestehenden Regeln legen jedoch nahe, dass ein Leichnam als der Allgemeinheit gehörig betrachtet wird. Legt doch der Gesetzgeber - als Vertreter der Allgemeinheit - die Regeln für Begräbnisse recht genau fest.

Es gibt heute auch religiöse Motive, die bestimmte Regeln in Frage stellen:
Die Liegezeit: Für jüdisches und islamisches Denken ist es eines Begrenzung nicht nicht vorstellbar. Der Verstorbene soll bis zum Jüngsten Tag ungestört in der Erde ruhen. In Jerusalem wird gerade eine riesige unterirdische Grabanlage gebaut, weil kein Platz mehr für Friedhöfe an der Oberfläche ist!
Auf christlichen Friedhöfen wurde die Liegezeit erst begrenzt, als entweder der Platz knapp wurde oder alte Gräber nicht mehr gepflegt wurden; so sind heute in ländlichen Gegenden die Friedhöfe oft nicht einmal mehr zur Hälfte belegt. Dennoch wurde kürzlich in einer Friedhofsordnung in Mecklenburg die Liegezeit sogar verkürzt.
Die Wartefrist bis zur Bestattung: Die beträgt in Deutschland mindestens 2 Tage. Aber nicht nur Muslime bestatten möglichst noch am Sterbetag.
Die Sargpflicht: U. a. bestatten Muslime ohne Sarg. Das hat an einigen Orten in Deutschland zu einem (wie ich finde, merkwürdigen) Kompromiss geführt: Der Leichnam wird im Sarg in das Grab gelassen, wobei der Sarg einen sich öffnenden Boden hat, so dass letztlich der Verstorbene ohne Sarg bestattet worden ist.

  

Während in den Größeren Städten Beisetzungen schon lange durch Bestattungs-Unternehmen durchgeführt werden, hat sich in ländlichen Bereichen erst ind den letzten Jahrzehnten ein grundlegender Wandel vollzogen. Bis dahin wurden Verstorbene daheim aufgebahrt, den Sarg stellte der örtliche Tischler her, und die Grablegung wurde von den Nachbarn durchgeführt.

Für weltliche und kirchliche Bestattungen stellt sich heute zuerst die Frage: Erdbestattung oder Feuerbestattung? Dabei ist ein rapider Rückgang von Erdbestattungen zugunsten der Feuerbestattung festzustellen. Oft wird das auf Kostengründe zurückgeführt. Ich habe da meine Zweifel, denn am Ende sind die Kosten so unterschiedlich nicht. Hat vielleicht doch die veränderte Wahrnehmung von Tod damit zu tun? Eine Urne mit Asche verschafft mehr Abstand als eine Feier - am möglicherweise noch offenen - Sarg.

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Friedhof von St. Olof, Südostschweden (Foto: privat)



Die Art der Beisetzung geht weg vom Einzel- bzw. Reihengrab. Am nächsten kommt dem noch das Rasengrab, bei dem die Gräber - mit Sarg oder Urne - innerhalb einer Rasenfläche liegen, aber einen Grabstein nebst einer kleinen Fläche für Blumenschmuck. Die Pflege der Rasenanlage wird durch den Friedhofsträger übernommen, wofür eine einmalige Gebühr am Anfang der Liegzeit zu entrichten ist.


In Schweden (siehe nebenstehendes Bild) war das die übliche Art der Beisetzung; bis zum Jahr 2000 war die Lutherische Kirche Staatskirche und die Friedhöfe wurden vom Staat gepflegt; die Kosten dafür wurden schon zu Lebzeiten als Teil der Steuern abgegolten.

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Friedhof von St. Matthäus, Berlin; Gemeinschaftsfeld



Eine andere Art der Besetzung ist die auf einem Gemeinschaftsfeld (heute in der Regel Urnenbeisetzungen).


Hierbei können die Gräber entweder mit Einzelsteinen gekennzeichnet sein, oder die Namen der Bestatteten sind auf einem gemeinsamem Stein, meist einer Stele, vermerkt.


In diesem Zusammenhang fällt auf, dass der Begriff "anonym" häufig falsch benutzt wird, wie in dem ersten Zeitungsartikel oben. Wenn Namen angegeben sind, ist ein Grab nicht anonym!

  

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Anonymes Grabfeld

Anonyme Grabfelder geben keine Hinweis auf die Liegeorte. Damit fehlt ein konkreter Erinnerungsort!
Angehörige versuchen, sich den Beisetzungsort zu merken. So können sie ggf. dort Blumenschmuck aufstellen. Das ist auf beistehendem Bild sehr gut zu erkennen.


Diese Sitte gefällt offensichtlich manchen Behörden nicht! So diskutiert man in Neustadt-Glewe ein neue Friedhofsordnung. In einem Zeitungsbericht heißt es dazu:

"Eine weitere Änderung betrifft die anonymen Bestattungen. Hier soll es Angehörigen nicht mehr möglich sein, an der direkten Bestattung auf dem Grabfeld teilzunehmen. Die Stadt will Vorschläge unterbreiten, wie die Abschiednahme stattdessen erfolgen könne - etwa durch Absenken der Urne bereits in der Trauerhalle."

  

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Anonymes Grabfeld



Mehr und mehr werden Urnen auch in Friedwäldern beigesetzt.
Hier hat sich die Erreichbarkeit der Liegeorte (zur Erinnerung) als Problem erwiesen, so dass entgegen der ursprünglichen Intention nachträglich Wege angelegt werden müssen.

  

Bei dieser Bestattungsform wird der einzelne Baum bezahlt, was durchaus mehrere tausend Euro kosten kann.
dafür sind dann allerdings mehrere Beisetzungen an einem Baum möglich.

  

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Eine Kirche als Kolumbarium (Dahl, St. Camillus)



Urnen können auch in Kolumbarien beigesetzt werden.
Das kann eine klassische Urnenwand sein, ein spezielles Gebäude, oder eine für diesen Zweck umgewidmete Kirche.

  

Wo traditionell Erdbestattungen üblich sind, finden Kolumbarien anscheinend wenig Zuspruch.
Aufgefallen ist mir das besonders in einem Ort in Südtirol: Dort finden die Beisetzungen in Familiengräbern statt, die über Generationen benutzt werden; wegen des Platzmangels wird durchaus auch übereinender bestattet. Als vor etlichen Jahren der Friedhof den noch erweitert werden musste, wurde neben eine Trauerhalle für mögliche weltliche Trauerfeiern auch eine Urnenwand angelegt. Nach mehr als zehn Jahren ist erst eine Zelle belegt!

  

Abschließend zwei Beispiele für besondere Trauerorte:

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Heidelberg; Ruhestätte für nicht lebensfähige Kinder

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Ruhestätte für Körperspender

  

Christian Hildebrand, November 2016

  Themen der bisherigen Veranstaltungen:

siehe Archiv

18. März 2016

Vom Tintenfass zum Datenstick

Oder: Warum, wieso, weshalb kommt die neue Lutherbibel?

mit: Prof. Dr. Martin Rösel, Rostock

siehe Archiv

16. April 2015

"Bitte keine Fotos!"

Oder: Was bedeutet das Bilderverbot im Islam?

mit: Prof. Hock, Rostock

siehe Archiv

8. Mai 2014

Der dumme Riese Goliat
und die bösen Philister

Historischer Hintergrund und theologische (Be-)Deutung

mit: Prof. Dr. Hermann Michael Niemann, Rostock

siehe Archiv

4. Februar 2011

"König Salomo gab es nicht?"

Wenn Bibel und Geschichtswissenschaft
nicht übereinstimmen.

mit: Prof. Dr. Hermann Michael Niemann, Rostock

Presse-Artikel   siehe Archiv

26. März 2010

"Bibel in der Werbung"

Werbung für die Bibel


mit: Prof. Dr. Thomas Klie (Rostock)

siehe Archiv

13. November 2009

"Bibel und Koran"

Bezüge zwischen Mohammed und Paulus,
Koran und Jesus Christus

mit: Islam-Forscher Prof. Klaus Hock (Rostock)

Presse-Artikel

4. Dezember 2008

"Jesus war nie in Bethlehem?"

Ein Gesprächsabend zum Spannungsfeld zwischen
historisch-kritischer Forschung und christlichem Glauben.


mit: Professor Dr. theol Eckart Reinmuth (Rostock)

29. November 2007

"Das gestohlene Testament"

- Hebräische Bibel oder Altes Testament –
mit welchem Recht dürfen Christen die Bibel der Juden benutzen?


mit: Landesrabbiner William Wolff (Schwerin) und Professor Dr. theol. Martin Rösel (Rostock)

16. März 2007

"Bibel in gerechter Sprache"

zeitgemäß oder verfälschend?


mit: Privatdozent Dr. theol. Martin Rösel (Rostock) und Pastorin Hanna Strack (Pinnow)

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